EINFACH

INNEHALTEN
                 auf der Suche sein
                 aller Leere entgegen

VERSTEHEN
                mein Festhalten an längst Verlorenem
                mein Zögern - einfach loslassen

MASSHALTEN
                um Wichtiges wieder zu erkennen
                gegenüber all dem Überfluss

BESTEHEN
                weil ich um deine Fülle weiß
                weil es sich lohnt - der Liebe wegen

WACHHALTEN
                die Verantwortung
                für unsere Schöpfung
                den Sinn für Gerechtigkeit

                                   Regina Reinhart in: Fastenkalender MISEROER 2016  Bild:B. Hesse


 

Wichtig und unwichtig

Das Bistum Osnabrück bietet allen in diesem Jahr ein Kartenset an, in dem für jeden Tag ein Impuls und eine (Nachdenk)-Aufgabe gesetzt isnd. Das Ganze dreht sich um die Bereiche Konsum, Mobilität, Ernährung, Umwelt, Nachhaltigkeit, Klimaschutz....eine gute Sammlung, um zumindest gelegentlich einmal innezuhalten, neu hinzusehen und das eigene Verhalten damit zu konfrontieren. Zu bestellen im Bischöfl. Seelsorgeamt.

 

Wir haben größere Häuser, aber kleinere Familien,
mehr Bequemlichkeit, aber weniger Zeit,
mehr Wissen, aber weniger Urteilsvermögen,
mehr Experten aber größere Probleme.

Wir rauchen und trinken zu viel,
lachen zu wenig, fahren zu schnell,
regen uns unnötig auf, sehen zu lange fern,
stehen zu müde auf, lesen zu wenig,
denken zu selten vor, halten keine Zwiesprache mehr.

Wir haben unseren Besitz vervielfacht,
aber unsere Welt reduziert.
Wir wissen, wie man den Lebensunterhalt verdient,
aber nicht mehr wie man lebt.
Wir haben dem Leben Jahre hinzugefügt,
aber können wir den Jahren auch Leben geben?

Wir kommen zum Mond,
aber nicht mehr zu der Tür des Nachbarn.
Wir haben den Weltraum erobert,
aber nicht den Raum in uns gefüllt.
Wir können Atome spalten,
aber nicht unsere Vorurteile.

Es ist die Zeit, in der es wichtiger ist,
etwas darzustellen als zu sein.
Wo moderne Technik einen Text wie diesen
in Windeseile in alle Welt tragen kann,
und wo Sie die Wahl haben:

Etwas zu ändern ...
oder ganz schnell weiter zu surfen.

                                                                  (Quelle: www.gsw-seminare.de)

 

Die Kunst des Aufhörens

"Jetzt ist aber Schluss!" Vier Wörter - und ein ausgelassener Tanzabend war schlagartig zu Ende. Der Hausherr hatte den Stecker aus der Wand gezogen, wir hatten seine mehrfache freundliche Bitte um Rücksicht auf die Schlafenden überhört. ...
Wenn's am schönsten ist, soll man aufhören. Sagt der Volksmund  und hat unrecht...Soweit ist zurückdenken kann, gehöre ich väterlicherseits zu einer Familie, die "kein Ende" findet. Abende ziehen vorbei wie ein Hauch, nicht nur bei Familienfesten, auch wenn Freunde da sind oder wenn abends die wirklich guten Sendungen kommen. Das Bett ruft einfach nicht. Lass die "frühen Vögel" ruhig ihren Wurm fangen, wir lieben den Abend...
Mittlerweise bin ich über fünfzig , und inzwischen glaube ich, dass es auch so etwas wie eine Kunst des Aufhörens gibt, die beherrscht sein will, wenn man Neues gut anfangen will....
Was steckt eigentlich hinter diesem "kein Ende finden?" Bei den Familienfesten mit Onkel Eduard kam früher oder später immer das Lied "So ein Tag, so wunderschön wie heute". Bei dem Satz "...der dürfte nie vergehn" haben wir Kinder das "nieeeeeee" immer so lang gezogen wie es ging. Das lässt mich vermuten: Das Nicht-Aufhören-Können ist wie ein kindlicher Versuch, die Zeit anzuhalten, den Moment, die Stimmung, die Schönheit und die Wärme einer Situation festhalten zu wollen. Das ist zwar menschlich, aber vergeblich.
Ich finde darin auch Mißtrauen in das Leben: Wird es wieder Tage geben wie diesen? Das Festhalten, das Nicht-Aufhören-Wollen ist der aussichtslose Versuch, sich dem Fluss der Zeit entgegenzustellen: "Bleib doch noch, so jung kommen wir nicht mehr zusammen" , dieser Satz begleitet dann den allerletzten gemeinsamen Schluck. Der Fluss des Lebens aber, der schöne Momente bringt und nimmt, der Anfänge schenkt und Abschiede zumutet, ist nicht aufzuhalten. Leben heißt, sich diesem Fluss anzuvertrauen, "im Fluss" zu bleiben.
Schon im Wort auf-hören liegt eine interessante und tiefgründige Doppeldeutigkeit. Es steckt das Aufmerken und das Innehalten darin, das auf etwas oder jemand anderen Hören. Wer auf-hört, lässt sich unterbrechen, kommt auf neue Gedanken, lässt sich korrigieren, ist bereit zur Kurskorrektur.. Wer gut aufhört, kann neu beginnen. Davon wissen auch Paartherapeuten viel zu erzählen...
Stimmt der Satz also wirklich: "Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören?"Ich kenne zumindest auch das befreiende Gefühl, dass im bewussten Aufhören und Loslassen liegt. Nach einer guten Begegnung, einem schönen Gespräch zu sagen: "Danke, es war gut. Lebe wohl." Die wirkliche Tiefe eines Augenblicks spüre ich dann, wenn ich ihn nicht festhalte....
So übe ich im Aufhören und Loslassen auch die Offenheit für das Neue ein: Was mag noch kommen? Es trägt die Zuversicht in sich. Vielleicht steht das Beste noch bevor? Deshalb: Schluss jetzt: Zeit zum Aufhören. Damit Neues anfangen kann.
                                   Auszüge aus: Klaus Hofmeister, Die Kunst des Aufhörens in: Publik-forum Extra   1/2013
                                                                  

Begegnungen

Das Bild der Himmelsleiter, hier aus der Goldenen Haggada um 1320, ist ein Grundbild für das Verhältnis zwischen Mensch und Gott. In der Geschichte Jakobs ist es in einem Traum an einem Scheideweg seines Lebens, wo er diese Leiter sieht und ihm damit aufgeht, oder besser gesagt, offenbart wird, dass Gott nicht so sehr im Himmel oben, sondern an diesem konkreten Ort der Erde, wo Jakob sich gerade aufhält, wo er geschlafen und geträumt hat, zu finden ist. Jakob ist der erste Mensch, der somit bekennen konnte, dass Gott beim Menschen zu finden ist. Ort der Gotteserfahrung ist somit da, wo Menschen leben und sich entfalten, in den Häusern und Städten, in der Familie, im Zwischenmenschlichen....Die Rabbinen haben diesen Aspekt eindringlich betont: "Wenn Menschen gottselig ihre Augen himmelwärts drehen und meinen, Gott oben suchen zu müssen, lachen die Engel sie aus und nennen sie Distelköpfe"  (Quelle unbekannt, zitiert nach Schwegler, Jakobs Traum von der Himmelsleiter in: Bibel heute 4/1997).
Dieser Gedanke der Himmelsleiter, die von oben herabgesenkt wird, aber auch Aufstiege von unten ermöglicht, hat dann in der Kunstgeschichte und im theologischen Denken eine lange Tradition entfaltet. Marc Chagall, Sieger Köder und lebende Künstler unserer Zeit nehmen immer wieder das Motiv der Leiter oder Treppe auf, die Himmel und Erde verbindet und die plötzlich da sein kann.
Dazu noch Papst Franziskus in seinem Interview mit Antonio Spadara SJ unter der Frage: Wie Gott finden?
... Bei diesem Suchen und Finden Gottes in allen Dingen bleibt immer ein Bereich der Unsicherheit. Er muss da sein. Wenn jemand behauptet, er sei Gott mit absoluter Sicherheit begegnet, und nicht berührt ist von einem Schatten der Unsicherheit, dann läuft etwas schief. Für mich ist das ein wichtiger Erklärungsschlüssel. Wenn einer Antworten auf alle Fragen hat, dann ist das der Beweis dafür, dass Gott nicht mit ihm ist. Das bedeutet, dass er ein falscher Prophet ist, der die Religion für sich selbst benutzt. Die großen Führer des Gottesvolkes wie Moses haben immer Platz für den Zweifel gelassen. Man muss Platz für den Herrn lassen, nicht für unsere Sicherheiten. Man muss demütig sein...Denn Gott ist voraus, Gott ist der Immer-voraus-Seiende, geht voraus. ...Das lesen wir bei den Propheten. Daher begegnet man Gott beim Gehen, auf dem Weg. Hier könnte einer sagen: Das ist Relativismus. Ist es Relativismus? Ja, wenn man ihn schlecht versteht - wie einen verschwommenen Pantheismus; nein, wenn man ihn im biblischen Sinn versteht, für den Gott immer eine Überraschung ist. Daher weißt du nie, wo und wie du ihn triffst. Nicht du fixierst Zeiten und Orte der Begegnung mit ihm. Man muss daher die Begegnung erkennen, ausmachen. Dafür ist die Unterscheidung grundlegend...."

Es geht doch!

Die nachfolgende Geschichte zeigt, dass Selbstvertrauen und Überzeugung (selbst wenn sie hier nur strategisch gespielt wird) dazu führen, dass Menschen sich anders verhalten als normal. Das Geben fällt oft schwer, aber die Aussicht auf Teilhabe an etwas, das sie selbst nicht haben, öffnet ihre Hände und Taschen. Geben, damit ich bekomme - das ist kein Geschenk, sondern eine Rechnung auf Gegenseitigkeit- und manchmal geht eben nur das. Die Gewitztheit des keltischen Kriegers, seine psychologisches Wissen über die Handlungsmuster seiner Gegenüber lässt uns lächeln: Aber warum sollten wir nicht auch schlau sein dürfen, um Ziele zu erreichen. Selbst Jesus fordert seine Jünger dazu auf, gut zu sein, den anderen wahrzunehmen und sich solidarisch zu verhalten. Aber er ruft auch auf, so schlau zu sein wie die Welt. Warum nicht? Schließlich haben wir doch auch einen Kopf um damit zu denken und auch clever zu sein - und toll, wenn dann diese Cleverness dazu führt, etwas zu erreichen, was sonst unmöglich erscheint. Unsere Welt bräuchte dies sehr oft.     

Nach einem langen Feldzug kehrt ein keltischer Krieger im tiefsten Winter in seine Heimat zurück. Er ist sehr hungrig ... Und obwohl er nicht nur ein freier keltischer Krieger, sondern auch Feldkoch ist, hat er nichts zu essen. Einzig sein zerbeulter Kessel, den er auf dem Rücken trägt, ist ihm noch geblieben.
Niemand ist bereit, ihm etwas zu essen zu geben. Überall, wo er anklopft, wird er abgewiesen. Entweder die Leute haben selbst nicht genug für sich und ihre Familien oder ... sie wollen einfach nicht. Einmal bemerkt er den Duft von frischgebackenen Brot, ein anderes Mal steigt ihm Räucher-Geruch in die Nase ... aber vielleicht war es auch nur Einbildung.
Da setzt sich der Kelte einfach auf den Dorfplatz und entfacht ein Feuer. Er füllt etwas Schnee in seinen Topf, setzt ihn auf das Feuer und lässt den Schnee zu Wasser werden. Unter den misstrauischen und neugierigen Augen der Dorfbewohner klaubt er einen Stein aus dem gefrorenen Boden, riecht entzückt an ihm. Dann wirft er ihn zum Erstaunen aller in das kochende Wasser. Er rührt in dem Topf. Ab und zu probiert er einen Löffel.
Den verwunderten Dorfbewohnern erklärt er: "Ich koche eine köstliche Steinsuppe. Aber leider fehlt noch ein klein wenig Salz." Gleich läuft da einer los und bringt ihm Salz. Dann schmeckt der Kelte erneut seine Suppe ab und sagt: "Mmmh, das ist schon nicht schlecht. Wenn ich nur noch ein klitzekleines Stück Karotte hätte, dann wäre die Suppe wohl noch schmackhafter. Und falls jemand ein Hühnerbeinchen hätte ... ein kleines wäre schon ausreichend ..." Das Hühnerbeinchen findet sich und ein anderer Dorfbewohner bringt ihm gleich mehrere Karotten.
Dann bittet der Kelte noch um Gerstengraupen, einige getrocknete Kräuter und allerhand andere Zutaten. Zum Schluss würzt er noch mit einer geheimen Zutat, die er in einer kleinen Phiole um den Hals trägt. Und am Ende können alle eine leckere Suppe miteinander teilen.
Übrig im Kessel bleibt lediglich der Stein. Den schlägt der Kelte in ein Tuch ein und meint: "Das war ein ganz besonders guter Stein, da lässt sich sicherlich noch eine zweite Suppe davon kochen."
                                     Quelle: Walburga Kliem Bild: Peter Weidemann, Pfarrbriefservice.de